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Chancengeber in 3D

Mit ihrem weltweit einzigartigen Präsentationsformat Govie öffnen sie Türen und werden Chancenmanager – erst recht in Pandemie-Zeiten: Henry Wojcik und Ingolf Seifert (v.l.), Chefs und Mitinhaber der 3D Interaction Technologies GmbH in Dresden.

 

Unternehmer des Jahres – Nominierte vorgestellt

Chancengeber in 3D

 

Als hätte man die Maschine dabei: Die Dresdner 3D-IT GmbH verknüpft Video mit Interaktion. Ihre Chefs bewerben sich für Sachsens Unternehmerpreis.

Sechs Kinderwagen im Treppenaufgang der Villa am Rand der Dresdner Johannstadt verraten: ein fruchtbares Haus. Auch kluge Ideen werden dort geboren, wenngleich man unter den mehr als 20 Namen am Klingelbrett keine Softwarefirma vermutet, die gerade mit einem neuartigen digitalen Präsentationsmedium für Furore sorgt. Mit ihm ist die derart versteckte 3D Interaction Technologies GmbH auf dem Weg zum echten Hidden Champion. Und ihre Chefs haben als Chancengeber in der Krise gute Karten für „Sachsens Unternehmer des Jahres“. Der Wettbewerb startet an diesem Freitag in seine 16. Saison.

Im 240-m2-Büro im 1. Stock haben die Chefs und Mitinhaber Henry Wojcik und Ingolf Seifert eine Präsentation vorbereitet. Auf dem Monitor läuft das dreidimensional animierte Video einer Verpackungsmaschine, und der aus dem Homeoffice zugeschaltete Vertriebsleiter Stephen Rahn erklärt die Weltneuheit. Er schaltet sich in eine Szene ein und variiert das Arbeitstempo der Maschine. Er stoppt, dreht, zerlegt sie, verschiebt Einzelteile, zoomt ran, zeigt per Röntgenblick ihr Innenleben. Er baut die Teile zusammen, die Maschine läuft weiter.

Ähnlich demonstriert er die komplexe Gepäcklogistik eines Flughafens, macht den Stromhaushalt eines Einfamilienhauses nachvollziehbar und präsentiert dabei die Produktpalette des Dresdner Kunden Solarwatt, einem Anbieter von Fotovoltaikanlagen. Auf einblendbaren Schaltflächen sind Datenblätter und Animationen hinterlegt, die zeigen, wie einzelne Module funktionieren. „Wir können alle Medien einbinden, ob 3.000 Jahre alte kalligrafische Steintafel oder 3-D-Video“, sagt Rahn. Auch holografische Projektionen seien möglich. Einzig die Rechnerleistung setze Limits.

„Man hat eine szenisch gegliederte Präsentation mit allen Vorteilen eines Videos und kann die Story eines Produkts erzählen, ohne selbst anwesend sein zu müssen“, erklärt Firmenchef Wojcik. „Man kann sie ins Internet stellen oder auf Messen präsentieren. Im Unterschied zum Video mit festgelegtem Ablauf würden auch Möglichkeiten der Interaktion genutzt, wie sie die Computerspieltechnologie biete. Auf der Referenzliste stehen weltweit 75 Anwender, fast ausschließlich Maschinen- und Anlagenbauer.

„Video allein lässt Fragen offen und ist Oldschool“, sagt Henry Wojcik, der ursprünglich aus der Elektrotechnik kommt. Der 40-Jährige wirkt im handgenähten Anzug mit Schlips wie ein Professor. Tatsächlich hat der zweifache Familienvater an der Technischen Universität Dresden promoviert, wo sich seine Wege vor zehn Jahren mit Ingolf Seifert gekreuzt haben. Beide gründeten 2013 die 3D IT GmbH, sammelten über eine Million Euro an Investorengeldern und holten die Sächsische und die Mittelständische Beteiligungsgesellschaft als Partner ins Boot.

Der Ex-Wissenschaftsjournalist mit drei Kindern ist in Jeans und Fleecejacke äußerlich das Gegenteil seines Kompagnons. Das begeisterungsfähige Duo ergänzt sich, „selbst wenn es immer mal Reibereien gibt“. Auch seine 14 Vollzeitkräfte, davon zehn Programmierer, haben eine Vergangenheit an der TU oder der Dresdner Hochschule für Technik und Wirtschaft. Zum Team gehören ferner zwei Studenten und drei Aufsichtsräte, die auch mit eigenen Geldeinlagen fest an das Unternehmen und sein Portfolio glauben.

„Das von uns entwickelte Format Govie steht für Gametechnology and Movie in One“, erklärt Seifert. Da man direkt auf Fragen eines Kunden eingehen könne, sei es ideal für Marketing und Vertrieb. „Mit keinem anderen Medium ist das Erklären so leicht“, schwärmt er. Gerade in der Corona-Zeit, da Außendienstler kaum zu Kunden könnten, sei es ein kostengünstiger Ersatz. „Man kann sich ohne großen Aufwand im Netz verabreden – als würde man zusammensitzen und hätte die Maschine dabei.“

Die revolutionäre Idee war 2013 entstanden. „Ein Kunde wollte eine Animation von einem Produkt“, berichtet Seifert. Das Video sei auf Messen gut gelaufen, aber der Vertriebler habe den Gesprächsfaden in der Hand behalten wollen, ohne auf digitale Vorteile zu verzichten. „Wir haben ihm eine 3-D-Welt mit Interaktion gebastelt, das andere Extrem. Doch der Verkäufer war überfordert, zeitgleich mit Kunden zu reden und zu interagieren.“ Letztlich war ein geführter Modus die Lösung – die Geburtsstunde von Govie. Eine Sternstunde.

„Aber der eigentliche Booster ist, dass wir eine Software entwickelt haben, mit der man alles plugin-frei und kinderleicht mit Videos, 3-D-Modellen, Fotos und Texten auf Powerpoint-Niveau selbst erstellen kann“, sagt Wojcik und erzählt: „Meine siebenjährige Tochter hat damit in der 1. Klasse das 3-D-Modell einer Erdbeere beschriftet und an Mitschüler und ihre Lehrerin geschickt – inklusive Backrezept am Ende.“

Ein Hinweis auf neues Potenzial? Das Medium sei erschwinglich und für jedermann nutzbar, so der Chef. Mit dem Release des Editors sei 2020 das letzte Puzzleteil dazugekommen: Maschinenbauer könnten eigene CAD-Planungsdaten nutzen. „Dass wir es geschafft haben, in einem Land ohne viel Venture Capital und an den Giganten von Silicon Valley vorbei diese Software zu schreiben, macht uns stolz“, sagt Wojcik. „Wir arbeiten als Dienstleister im Projektgeschäft, und wir haben eine Softwaresparte, die den Govie-Editor weiterentwickelt“, umreißt Seifert die Geschäftsfelder, mit denen die Firma seit 2018 rund 2,1 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftete und für Forschung und Entwicklung Zuflüsse von 830.000 Euro generierte.

„Wir hatten wegen Corona auch kein einfaches Jahr, mussten wie viele Firmen Kurzarbeit anmelden“, räumt Wojcik ein. Vertriebskanäle seien weggebrochen, Messen ausgefallen. Die Belegschaft sei im Homeoffice und treffe sich täglich im Netz. Standesgemäß. Langsam trage die umgestellte Vertriebsmethodik Früchte. Die Chefs sind optimistisch, es gehe aufwärts, sagen sie und stellen klar: „Wir sind kein Start-up mehr, wir sind ein Take-off!“ Und nicht nur wegen des unscheinbaren Klingelschilds bald ein Hidden Champion.

Text: Michal Rothe

Foto: Jürgen Lösel

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