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Lieber eine Steckdose mehr

Johannes Töpler hat schon als Gymnasiast eine Tochterfirma für den Handwerksbetrieb seiner Eltern gegründet. Als Chef mit 25 Jahren kümmert er sich jetzt um Automatisierung und Solartechnik in Görlitz.

Görlitz. Drei Monitore auf dem Schreibtisch, dazu ein Flachbildschirm an der Wand: Ein 25-jähriger Elektromeister kann gar nicht genug Technik um sich herum haben. Wer Johannes Töpler in seiner neu gebauten Firmenzentrale in Görlitz besuchen will, steht natürlich erst einmal vor einer Kamera an der Tür. Am Empfangstresen gibt ein Monitor den Überblick über gebetene und ungebetene Gäste vor und hinter dem Haus. Zum Datenschutz bleiben aber einige Bildschirmsegmente schwarz.

 

Im Besprechungsraum 3 im ersten Stock kommt leise Radiomusik aus einem Deckenlautsprecher neben dem Rauchwarnmelder. Johannes Töpler beugt sich zu dem kleinen Bildschirm neben der Tür: Per Fingertippen kann er dort nicht nur die Beleuchtung dimmen, sondern auch die Lichtfarbe einstellen. Ein Bewegungsmelder sorgt zusätzlich dafür, dass die Lampen nicht unnötig lange leuchten. Der Handwerksmeister will seinen Kunden im eigenen Betrieb vorführen, was möglich ist. Und die drei Bildschirme auf seinem Chef-Schreibtisch braucht er, um E-Mails und Kalkulationsprogramme nebeneinander zu sehen.

 

Wie viele Steckdosen er in seinem Büroneubau neben dem Familienwohnsitz aus dem 19. Jahrhundert eingebaut hat, kann Töpler nicht aus dem Kopf sagen. Er rate Kunden aber grundsätzlich, lieber eine oder zwei Steckdosen mehr verlegen zu lassen als später teuer nachzurüsten. Aber wozu dienen die Steckdosen weit oben an der Wand? Die Antwort gibt Töplers Zwillingsschwester Anne, die auch in einem Büro des Innungsbetriebs arbeitet: »Für die Weihnachtsbeleuchtung. Dort war der Herrnhuter Stern angeschlossen.«

 

Vor drei Jahren hat Johannes Töpler die Leitung des Görlitzer Handwerksbetriebes übernommen. Sein Vater Mario befand ihn als geeignet und wollte nach 29 Jahren seinen Chefposten abgeben. Der Firmengründer ist nun mit 59 Jahren ein Angestellter seines Sohnes. Töpler senior kümmert sich um Materialbeschaffung und Lagerhaltung, seine Frau Silke arbeitet weiterhin im Büro des Familienunternehmens.

 

Schon als Gymnasiast hat Johannes Töpler seine Wohnung im benachbarten Gründerzeit-Altbau der Familie modernisiert, »als mein erstes Automatisierungsprojekt«. Im Betrieb der Eltern arbeitete er schon früh mit, als 18-jährigerSchüler gründete er das Tochterunternehmen Gebäudeautomatisierung Töpler. Später kam noch der dritte Firmenzweig Baustrom Görlitz hinzu. Dieser Dienstleistungsbetrieb legt Kabel zu Baustellen und im Winter zu den Kühlaggregaten der Eisbahn. Beim Aufbau von Görlitzer Altstadtfest und Christkindelmarkt hat das Team Töpler immer tagelang zu tun. 

 

Der junge Chef weiß, dass er nicht die Erfahrung seines Vaters bieten kann. »Die ältere Generation sieht eher das Fehlerpotenzial«, sagt Johannes Töpler. Aber manche Fehler müsse der Nachwuchs selbst machen, um daraus zu lernen – und manches trotz Bedenken ausprobieren. Mit Neuerungen der Automatisierungs- und Vernetzungstechnik muss sich sein Vater nun nicht mehr beschäftigen, und DIN-Normen kann der Sohn auswendig nennen. Schließlich hat er seine Ausbildung »als bester Lehrling in Sachsen« abgeschlossen und 2019 den zweiten Platz beim Bundesleistungswettbewerbs des E-Handwerks belegt. Dabei durfte er seine Ausbildung auf rund zwei Jahre verkürzen.

 

Das klingt nach einem Überflieger – und tatsächlich hat Johannes Töpler seinen Meisterbrief inzwischen in Teilzeit erworben. »Man will ja auf eigenen Beinen stehen«, sagt er. Dazu musste er allerdings freitags von Mittag bis weit in den Abend hinein sowie sonnabends vormittags zur Meisterschule, erst nach Großenhain, dann ins Bildungszentrum Njumii der Handwerkskammer Dresden. Auf die Frage nach Hobbys kommt daher vom jungen Handwerksmeister keine Antwort. Er hat auch mal ein Studium der Elektrotechnik begonnen, fand aber die Praxis interessanter.

 

Der Görlitzer Elektrobetrieb ist mit dem Neubau von 14 auf 26 Mitarbeiter gewachsen. Vier oder fünf sind Polen, die zum Teil über die nahe Grenze zur Arbeit pendeln. Mit dieser Größenordnung ist der Chef zufrieden, und stolz zeigt er sich auf die laufende Ausbildung: Acht Lehrlinge sind unter den Mitarbeitern, von denen einige für Prüfungsleistungen ausgezeichnet wurden. Bisher ließ sich durch Mundpropaganda ausreichend Nachwuchs finden. Auf der Internetseite nennt Töpler das »junge dynamische Team« als einen Grund, gerade bei ihm anzufangen. Er zahle auch übertariflich.

 

Ein wichtiger Schritt war für Töpler die Digitalisierung des Betriebes. Die Mitarbeiter bekamen iPads und Handys, eine Handwerker-Software hat den Papierverbrauch reduziert und die Verwaltung nach Ansicht des Chefs effizienter gemacht. Die roten Autos des Elektrobetriebs mit dem Blitz-Symbol fahren noch mit Verbrennermotoren, sie seien noch zu jung für einen Austausch gegen E-Fahrzeuge. Der werde aber kommen, schließlich brauchen sie keine große Reichweite: Elektro Töpler ist fast ausschließlich im Raum Görlitz aktiv. Der Chef fährt schon mal einen Hybridwagen. 

 

Der Umsatz von Elektro Töpler hat sich in den vergangenen Jahren dank des Solarbooms verdoppelt, auf rund 2,5 Millionen Euro im vergangenen Jahr. Damals begann der Betrieb mit der Installation von Fotovoltaik-Technik und schloss rund 50 Anlagen an. Töpler arbeitet auch im Auftrag der Stadtwerke und nennt als Referenzkunden unter anderem die Wohnungsgenossenschaft Görlitz.

 

Die Nachfrage nach Solartechnik ist nach Töplers Erfahrung stark gewachsen, seit die Energiepreise  stark stiegen und die Anlagen billiger wurden. So mancher Hausbesitzer wolle die eigene Versorgung absichern. Vielen gehe es auch um Optimierung: In der Regel fragen Töplers Kunden auch nach einem Akku zur Solaranlage, manche kaufen zusätzlich einen Heizstab für den Wasserspeicher, um den Strom von ihrem Dach komplett selbst zu nutzen. Preisbeispiele nennt Töpler nicht, zu unterschiedlich seien die Dächer: »Wir machen zuerst einen Drohnenflug, dann die Kalkulation.«  

 

Bisher musste Töpler nicht groß für sein neues Geschäftsfeld werben: »Wenn einer in der Straße Solaranlagen installieren lässt, interessieren sich auch die Nachbarn dafür.« Töpler bezieht die  Module über Großhändler. Dass Kunden gezielt nach Solartechnik »made in Germany« fragten, komme vor, sei aber nicht die Regel. Zunehmend verwendet werden laut Töpler Glas-Glas-Module, die von beiden Seiten Licht aufnehmen - auch reflektiertes vom Dach. Bei Töplers sind sie auf den neuen Garagen angebracht. Im Zusammenspiel mit der Wärmepumpe befeuern sie auch die Fußbodenheizung. 

 

Die Zeit der Materialknappheit scheint vorbei zu sein. Zeitweise nutzte Töpler seine Fahrt zur Meisterschule nach Dresden, um dort in Filialen von Großhändlern Nachschub zusammenzusuchen. Selbst Zählerschränke waren zeitweise knapp. Manche Firmen horteten laut Töpler »palettenweise Kabel« und verstärkten so noch den Mangel. Zeitweise war ein Kollege nur mit Recherchen beschäftigt.

 

Dass der Eigenheimbau und die Sanierung in Zeiten gestiegener Zinsen nachgelassen haben, hat Töplers Geschäft bisher kaum beeinträchtigt: Noch gebe es Baustellen, die vorher geplant wurden, zudem sei das Unternehmen dank Großkunden „»breit aufgestellt«. Die Kunden hätten verstanden, dass man auf Handwerker etwas warten müsse. Töpler stellt fest, dass Privatkunden Wert auf Komfort und Energieeinsparung legen. Für Gewerbebetriebe ist vor allem wichtig, ihre Technik auch aus der Ferne warten und auf Änderungen reagieren zu können. 

 

Wenn Johannes Töpler im Urlaub ist, schaut er schon mal auf dem Handy nach, ob alles noch an seinem Platz steht. Und die Heizung in seiner Görlitzer Wohnung, zwischendurch auf Standby, wird vor der Rückkehr per Fernbedienung rechtzeitig wieder hochgefahren.

 

Der Wirtschaftspreis »Sachsens Unternehmer des Jahres 2024« und der Gründerpreis »Sachsen gründet – Start-up 2024« sind eine Initiative der »Sächsischen Zeitung«, der »Freien Presse«, der »Leipziger Volkszeitung« und des MDR sowie von VW Sachsen, der Beratungsgesellschaft Schneider + Partner, der LBBW, der Gesundheitskasse AOK Plus und »So geht sächsisch«.

Bewerbungsschluss ist am 9. Februar

 

Text: Georg Moeritz

Bild: Paul Glaser

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